|
DER PERFEKTE MENSCHAnnemarie Pieper (Basel) |
|
Wir sind in allem, was wir denken, fühlen, wollen und tun, auf Perfektion aus. Dies scheint etwas typisch Menschliches zu sein: unsere Leistungen ständig verbessern und optimieren zu wollen. Man gibt sich nicht mit dem Erreichten zufrieden und richtet sich behaglich darin ein, sondern strebt danach, es zu übertrumpfen. Dies hat verschiedene Gründe: Zum einen gibt es in einer unvollkommenen Welt immer wieder Neues zu entdecken, das zu erforschen sich lohnen könnte. Zum anderen wirft das Entdeckte seinerseits wieder Probleme auf, erzeugt Frageüberhänge, die der Lösung bedürfen. Das Streben nach Perfektion ist zielgerichtet. Wir entwickeln in Hypothesenform Idealkonstrukte, die im Licht neuer Erkenntnisse zwar ständig revidiert werden, gleichwohl aber als Leitfaden für unsere Wissens- und Handlungsprozesse dienen. Was ist ein perfekter Mensch? Von der Wortbedeutung her ist jemand perfekt, der es insgesamt zur Vollendung seiner selbst als Mensch gebracht hat. Diese Auskunft befriedigt aber noch nicht, denn sie sagt nichts über den Inhalt des mit perfekt im Sinne von vollendet Gemeinten. Das deutsche Wort vollendet signalisiert, dass etwas an sein Ende gelangt ist, wobei dieses Ende nicht als Aufhören eines natürlichen Vorgangs zu denken ist — so wie wenn wir sagen Der Wind hat sich gelegt oder Die Dinosaurier sind ausgestorben —, denn ein solches Ende markiert schlicht einen faktischen Abbruch, der natürliche Ursachen hat, dem aber keine Vollendung beschieden ist. Das Ende, von dem das Wort vollendet spricht, ist als Ziel, als Endziel gar zu verstehen, und damit befinden wir uns im Bereich des Menschen, denn nur der Mensch hat Ziele, wohingegen sich die Natur und mit ihr der ganze Evolutionsprozess ziel-los, nach dem Zufallsprinzip entwickelt. Zwar deuten wir diesen Prozess gern als eine über Stufen erfolgende Höherentwicklung, weil wir uns als die Vollendung der Evolution sehen möchten. Aber erstens wissen wir gar nicht, ob nicht in diesem unermesslichen Universum noch irgendwo höhere Arten von Lebewesen existieren, als wir es sind. Und zweitens unterstellen wir damit der durch Evolution entstandenen Natur, dass sie wie ein Mensch handelt: nämlich nach Absichten und Plänen, als ob sie den Weg vom Anorganischen über Pflanzen und Tiere bis hin zum Menschen absichtlich so gesteuert hätte, wie wir ihn zu rekonstruieren versuchen. Eine solche starke Prämisse wäre nur haltbar unter der Voraussetzung, dass Natur der Name für ein aussermenschliches Subjekt, einen Gott wäre. Der Mensch ist ein Zufallsprodukt der Evolution und insofern nicht deren Vollendung. Trotzdem kann man sein Auftreten in der Geschichte des Universums als eine Zäsur auffassen, insofern er ein Wesen ist, das sich bis zu einem gewissen Grad vom Kausalprinzip und damit von den Zufallsergebnissen der Evolution abkoppeln kann. Der Mensch vermag sich eigene, von den chaotischen Ausschlägen der Evolution abweichende Ziele zu setzen und diese auf Wegen zu verfolgen, die er im Hinblick auf seine Pläne allererst selbst entwirft. Betrachtet man die beiden lateinischen Bestandteile des Wortes perfekt — per und facere —, dann ist der perfekte Mensch einer, der etwas durchmacht; er vollendet sich als Mensch darin, dass er sich selber Ziele setzt und die Wege zu ihrer Erreichung nicht nur in Gedankenexperimenten durchspielt, sondern wirklich "macht", indem er das gedanklich Konzipierte in die Tat umsetzt. Aber welche Ziele und Wege sind es, durch die sich der Mensch als Mensch vollendet? Zwar liegt die Perfektion des Menschen darin, dass er sich Ziele setzen kann, aber nicht jedes Ziel, das er erstrebt, macht ihn perfekt. Wie muss man sich demnach die Beschaffenheiten und Fähigkeiten eines Menschen vorstellen, von dem man zu Recht sagen kann, er sei ein perfekter Mensch? Eine erste Antwort auf diese Frage bekommt man durch einen Blick auf die Götter, die von den Menschen verehrt werden. Wenn man nämlich mit Feuerbach und Nietzsche davon ausgeht, dass die Menschen ihr eigenes gesteigertes und idealisiertes Wesen in einen Gott projizieren, dann lässt die Gottesvorstellung einen Rückschluss auf das zu, was die Menschen an sich selbst hochschätzen. Nehmen wir zum Beispiel die Prädikate, die dem christlichen Gott zugesprochen werden: — allmächtig, allwissend, allgütig — und übersetzen sie zurück in die Dimension des Menschlichen: homo faber ist dann der vermenschlichte Schöpfergott, der als deus faber die ganze Welt gemacht hat, wobei dies nach dem Bericht der Genesis des Alten Testaments in Etappen vor sich ging, zuerst Himmel und Erde, dann Tag und Nacht, Land und Meer, schliesslich die Gestirne, die Tiere und die Menschen. Am Ende eines jeden Tages prüfte Gott das von ihm Geschaffene und evaluierte es gewissermaßen: Siehe, es war gut. Dieses 'siehe, es war gut' ist gleichsam das Gütesiegel, mit welchem Gott bestätigt, dass das von ihm Produzierte gelungen ist, und das heisst: mit den von Gott zugrunde gelegten Maßstäben übereinstimmte und daher perfekt war. Es war vollbracht, d.h. vollendet und damit an sein Ende, mithin an das für es vorgesehene Ziel gelangt, bei dem der Weg endet. Im Unterschied zu deus faber, der vermöge seiner Allmacht alles machen kann, und zwar so, dass es vollendet ist, sind homo faber hinsichtlich seiner Macht und entsprechend seinen Zielsetzungen Grenzen gesetzt. Dennoch vermag auch der Mensch Dinge hervorzubringen, die perfekt sind und durch die er sich zugleich selbst vollendet. Wenn er sich Ziele setzt, die im Bereich des menschlichen Könnens liegen, und diese optimal verwirklicht, ist auch er in einer vergleichbaren Weise perfekt wie der Gott. Allerdings muss er dabei berücksichtigen, dass Gott sich nicht in blinden Allmachtsphantasien verausgabte — dann wäre die Schöpfung gerade nicht perfekt und Gott nicht als Gott vollendet —, vielmehr hat er seine kreative Potenz durch seine Güte und sein Wissen ziel- und mittelorientiert, so dass das fertige Produkt sich als ein Sinnganzes erwies. Beim göttlichen Schöpfungsakt wirkten demnach — um hier einen Ausdruck des Pädagogen Heinrich Pestalozzi zu gebrauchen — Kopf, Herz und Hand kooperativ und interaktiv zusammen. Dieses Konzept von Ganzheitlichkeit findet sich auch in der klassischen Definition des perfekten Menschen als homo sapiens wieder. Der weise Mensch ist weder ein reiner Intellektueller noch ein blosser Macher und noch weniger ein purer Gefühlsmensch. Wer Weisheit besitzt, hat Augenmass und Urteilskraft: Er hat die Fähigkeiten von Kopf, Herz und Hand nicht getrennt voneinander ausgebildet, sondern im Wechselspiel sich aneinander und miteinander steigern lassen, so dass sie sich gemeinsam perfektionieren konnten, was wiederum Ergebnisse zeitigte, die ihrerseits gemäss dem jeweils erreichten Stand vollendet waren. Die natürliche Rivalität dieser drei Vermögen (Kopf, Herz und Hand), die im Konzept des homo sapiens das Ideal einer beweglichen Ganzheitlichkeit repräsentierten, barg natürlich die Gefahr einer Abspaltung und Verselbständigung eines der drei Vermögen, das sich in einem Verabsolutierungsprozess auf Kosten der beiden anderen zu perfektionieren trachtet. Die Folgen sehen wir bei einem Blick zurück auf die Geschichte. Die abendländische Metaphysik in ihrer rationalistischen Variante hat der Trennung von Kopf und Herz den Weg bereitet. Die Definition des Menschen als animal rationale hat nämlich dazu geführt, dass der menschliche Verstand gegenüber der Sinnlichkeit überbewertet wurde, und das Christentum tat noch ein übriges, indem es das Körperlich-Materiell- Triebhafte verächtlich machte, so dass allein die geistigen Kreationen des Kopfes noch zählten. Beinahe selbstverständlich, als wäre es von der Natur so vorgesehen, wurde die Trennung von Kopf und Herz auf die Geschlechter übertragen: Der Mann definierte sich selbst als Verstandesmensch und die Frau als Gefühlsmensch, wobei der eigentlich perfekte Mensch selbstredend nur männlichen Geschlechts sein konnte, weil der Verstand als die höherwertige Instanz deklariert wurde, insofern er eine rationale und damit scheinbar vorurteilsfreie, objektive Sicht der Dinge ermögliche, wohingegen das Gefühl die Handelnden in die Dinge verstricke und in Ermangelung jeglicher Distanz der Irrationalität Vorschub leiste, wodurch der klare Blick getrübt und die Konturen der Welt emotional verzerrt würden. Die in Haushaltführung, Kindererziehung und Krankenpflege noch so perfekte Frau konnte auf dem Boden einer solchen Hierarchisierung dem als Mensch schlechthin perfekten Mann nicht das Wasser reichen, da dieser sich im alleinigen Besitz dessen wähnte, was den Menschen zum Menschen macht: die geistige Potenz. Der Frau hingegen wurde allenfalls auf einem Gebiet Perfektion zugeschrieben, auf welchem die Männer für sich selbst keine weitergehenden Ansprüche erhoben, auf dem ästhetischen Gebiet schöner Körperformen. Die Ideologisierung der Rationalität hat zwei Typen eines perfekten Menschen entstehen lassen: nämlich homo faber und homo oeconomicus. Beide haben aus dem ursprünglichen Dreierverband des homo sapiens vom Kopf das zweckrationale Denken und von der Hand die Bedienungsfunktion abgespalten, wohingegen sie das Herz als für technische und wirtschaftliche Projekte untauglich ausschieden bzw. in den Privatbereich verbannten. Homo faber machte im Kontext des homo sapiens den Werkzeuge und Geräte herstellenden Teil des Gesamtmenschen aus, während homo oeconomicus den effizienten Einsatz der technischen Hilfsmittel vorsah und einen sparsamen Gebrauch der damit hergestellten Produkte berechnete — dies zunächst noch im Rahmen eines Gesamtkonzepts von Weisheit, das alle menschlichen Strebevermögen gleichmässig ausbildete und auf diese Weise dafür sorgte, dass sowohl das Individuum als auch die Gemeinschaft sich vollständig entfalten konnten. Friedrich Schiller hat diese den homo sapiens auszeichnende integrative Kraft im Typus des Griechen verkörpert gesehen. Der Grieche habe noch jene "Totalität des Charakters" besessen (Vgl. Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Stuttgart 1975, 14), die es ihm erlaubte, als Individuum jederzeit die Gattung zu repräsentieren. Doch schon Schiller beklagt in seiner Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ den die Integrität des Charakters zersetzenden Prozess der Spezialisierung und Mechanisierung der menschlichen Lebensvollzüge, in deren Gefolge eine Fragmentarisierung des ursprünglich in einem ganzheitlichen Sinn perfekten Menschen stattgefunden hat.
Schiller verwendet hier zwei Metaphern, um zwei unterschiedliche Auffassungen von Perfektion miteinander zu vergleichen: das Bild des Organismus und das Bild der Uhr. Die Organismusmetapher lässt das menschliche Individuum als Teil einer lebendigen Gemeinschaft sehen, die ihrerseits wie ein grosses Individuum gegliedert ist. Insofern Teil und Ganzes nach dem gleichen Muster eines sich selbst in seinen Funktionen abstimmenden und im Gleichgewicht haltenden Geflechts von autopoietisch sich selbst steuernden Antrieben konzipiert sind, kann das Ich jederzeit das Wir vertreten und umgekehrt. Die Uhrmetapher hingegen deutet auf eine Perfektion des Ganzen auf Kosten der Teile hin: Während die Gemeinschaft insgesamt immer effizienter in ihren Vollzügen wird, verkümmert das Individuum, das nur noch ein kleines Rädchen im Staatsmechanismus ist, dessen Kraft zwar dazu beiträgt, den Betrieb in Schwung zu halten, ohne jedoch Einfluss auf den gesamten Apparat, geschweige denn auf die Ausrichtung seiner isolierten Tätigkeit nehmen zu können. Übertragen auf die heutige Zeit, könnte man sagen, dass die Perfektionierung von homo faber und homo oeconomicus dazu geführt hat, dass das Uhrwerk Staat, welches die organisch gewachsene, lebendige Gemeinschaft von Exemplaren des homo sapiens im Zuge der Mechanisierung unserer Lebenswelt abgelöst hat, nun seinerseits in der Gefahr ist, zerstört zu werden, weil sich niemand mehr weder für das reibungslose Funktionieren des Räderwerks im Ganzen verantwortlich fühlt noch für die möglichst vollständige Entwicklung der individuellen Gesamtressource Sorge trägt. Perfektioniert wird — wiederum nach dem Vorbild des Maschinenmodells — eine einzige Fähigkeit, sei es im Sport oder in der Wissenschaft, sei es im Industriemanagement oder in der kulturellen Szene. Es zählt allein der Marktwert der durch schieres Training von Muskelkraft, engste Spezialisierung des Wissens, scharfe Nutzenkalküle oder raffinierte Konsumverführungsstrategien erzielte Spitzenplatz in einem bestimmten Segment unserer pluralistisch zerstreuten Lebenswelt. Die unglaubliche Vielfalt an Bildungsmöglichkeiten täuscht darüber hinweg, dass es gar nicht auf Universalbildung ankommt, da man ja keine Generalisten braucht, sondern hoch spezialisierte Expertokraten. Die Politiker als die demokratisch gewählten Vertreter des Volks, die ursprünglich einmal die Interessen des Ganzen wahrnehmen sollten, sind längst nicht mehr Herr im eigenen Haus. Denn auch sie passen sich immer mehr den Gesetzen des Marktes an, um an der Macht zu bleiben, und die heimlichen Drahtzieher sind nun die Wirtschaftsbosse, die ihre Fäden über den ganzen Globus ziehen, indem sie das Potential von Politik, Wissenschaft und Technik an sich binden sowie alle menschlichen Leistungen an Profit- und Effizienzkriterien messen, unter Bezugnahme auf welche rigorose, weder auf das Ich noch auf das Wir Rücksicht nehmende Rationalisierungsmassnahmen gerechtfertig werden. Die Global Players unterwandern die Demokratie im Dienst ihres Götzen homo oeconomicus, der als Fleisch gewordene Rechenmaschine seine Scheuklappenperspektive als die einzig umfassende Sicht der Dinge unter zweckrationalem Gesichtspunkt strategisch durchzusetzen strebt. Dass dieses Ideal des perfekten Menschen ruinös ist — für die Natur und die Menschheit insgesamt —, zeigt unter anderem auch der Ruf nach emotionaler Intelligenz, der in den letzten Jahren vielfach laut geworden ist. Das ausgelagerte Gefühl kommt nun plötzlich durch die Hintertür wieder herein, um den eklatanten Mangel an sozialer Kompetenz und die damit verbundene Betriebsblindheit zu beheben. Aber das alles ist nur Kosmetik, wenn man der Meinung ist, es genüge, homo faber und homo oeconomicus ein bisschen Jovialität und einen Wohlwollen vortäuschenden Gestus anzutrainieren, um ihr einseitiges Weltbild besser verkaufen zu können. Vollends pervers mutet die Kluft zwischen Beruf und Privatleben an, wenn etwa einer Sonntags in die Kirche geht und einen Gott anbetet, der ihm an Werktagen unter Laborbedingungen abhanden gekommen ist; oder wenn in den Ferien die reine Natur genossen wird, an deren Zerstörung man das Jahr über kräftig mitwirkt; oder wenn sich jemand nach getaner Arbeit einen Theater- resp. Konzertbesuch gönnt, um wenigstens optisch und akustisch wieder etwas zu fühlen zu bekommen. Diese Schizophrenie ist typisch für Menschen, die ihre Bedürfnisse aus dem öffentlichen Bereich verbannt haben, in dem sie mit dem Anstrich des Irrationalen versehen sind. Nötig ist heute eine komplette Revision des Menschenbildes, mit dem sich der Mensch des 3. Jahrtausends konfrontiert sieht und dessen Einseitigkeit viele erschreckt. Aber wie soll der perfekte Mensch der Zukunft aussehen? Was wünschen wir uns für uns selbst und für die kommenden Generationen? Einen geklonten oder gentechnisch passend gemachten Menschen? Einen „Menschenpark“, der seine Tore nur der geistigen Elite (wer immer als solche definiert wird) öffnet, vergleichbar jenen Philosophenkönigen, denen Platon in seinem Staat die Herrschaft übertragen wollte? Oder wollen wir das von Marx anvisierte Reich der Freiheit, in dem es keine Herrschaftsstrukturen mehr gibt und alle Arbeit von Maschinen verrichtet wird, so dass eine riesige Freizeitgesellschaft entsteht, in welcher sich jedes Individuum nach seiner Fasson selig werden kann? Mir scheint ein Blick zurück in die Vergangenheit und auf die in der abendländischen Geschichte der Menschheit entwickelten Vorstellungen vom perfekten Menschen hilfreich, um die Frage nach dem Menschen der Zukunft vorzubereiten. Zwar widerspricht dies dem naturwissenschaftlichen und dem ökonomischen Verfahren, das alles Vergangene als überholt erachtet und in blinder Fortschrittsgläubigkeit selbst die gelebte Gegenwart möglichst schnell zu verlassen trachtet. Doch es war immer schon ein Privileg der Geistes- und Kulturwissenschaften, dass sie ihre eigene Geschichte mit reflektieren, nicht nur um das Erbe der Menschheit zu archivieren und zu verwalten, sondern auch um im Gespräch mit der Tradition Orientierungshilfen für die Lösung gegenwärtiger Probleme zu eruieren. Selbstverständlich kann man nicht umstandslos ein Menschenbild wieder beleben, das zu einer bestimmten Zeit normative Kraft besessen hat. Aber die Vergegenwärtigung solcher Bilder kann dazu dienen, sich mittels Vergleich Klarheit darüber zu verschaffen, was man heute als zeitgemässe Rekonstruktion des ganzheitlichen homo sapiens-Ideals gelten lassen möchte und was nicht. So hat auch Schiller nicht für eine Renaissance der Griechen plädiert, sondern Überlegungen angestellt, wie man unter den Bedingungen des 18. Jahrhunderts den Verlust der Totalität des Charakters kompensieren könne. Sein Vorschlag lautete, bei den Kindern durch ästhetische Erziehung einerseits eine kopflastige, einseitig rationalistische Engführung ihrer Fähigkeiten zu verhindern, andererseits eine ebenso einseitige materialistische Einstellung in ihrem Konsumverhalten abzuwehren. Die von Schiller favorisierte Förderung des Spieltriebs ermöglicht eine ganzheitliche Ausbildung von Kopf, Herz und Hand und begünstigt das Entstehen einer schönen Seele, die nur einem Körper innewohnt, der nach Analogie eines Kunstwerks das Resultat der eigenen, selbsttätig entwickelten kreativen Fähigkeiten ist. Die Kunst, gut zu leben, besteht für Schiller darin, sich als Lebenskünstler zu realisieren und das eigene Leben wie ein Kunstwerk zu gestalten, als ein geglücktes Ganzes, das zugleich beglückt. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt, denn an diesem Spiel ist er mit Leib und Seele beteiligt. Auch ein Blick auf Leonardo da Vincis geometrische Abbildung des perfekten Menschen in einer geschlossenen, Vollendung andeutenden Kreisstruktur zeigt uns, wie weit unsere magersüchtigen oder fettleibigen Konfigurationen, die ihres Mittelpunktes verlustig gegangen sind, von Leonardos und Schillers ästhetischen Gebilden entfernt sind. Und wenn man sich erinnert, was für ein Universalgenie der Maler, Bildhauer, Erfinder technischer Geräte, Naturforscher, Anatom, Astronom, Mathematiker und Kunsttheoretiker Leonardo da Vinci im 15./16. Jahrhundert noch war, dann nimmt sich unser hoch gezüchtetes Expertentum, für das der Nobelpreis oder sonstige mit lukrativen sowie imagefördernden Ehrungen verbundene Auszeichnungen den wichtigsten Anreiz darstellen, daneben reichlich armselig aus. Werfen wir also nochmals einen — wenn auch sehr selektiven — Blick zurück auf Exemplare oder Modelle eines perfekten Menschen in unserer abendländischen Tradition, um dann einen aus heutiger Sicht wünschenswerten Typus zu skizzieren, der vielleicht auch anschlussfähig ist an Menschenbilder östlicher Provenienz. Nehmen wir Sokrates, von dem das Delphische Orakel behauptete, er sei der Weiseste unter seinesgleichen, obwohl er doch stets betonte, er wisse, dass er nichts wisse. Dieser Sokrates war ein Skeptiker, und seine Weisheit bestand eben darin, dass er nichts ungeprüft gelten liess, weder das, was die Naturforscher über die Welt behaupteten, noch das, was die Sophisten über die Lehrbarkeit der Tugend verkündeten. Sokrates hielt sich aus den politischen Tagesgeschäften heraus, um aus kritischer Distanz Missstände anzuprangern und vernünftige Einsichten verhindernde Vorurteile als solche aufzudecken. Sokrates war der perfekte Aufklärer, unbestechlich, selbstironisch, integer. Solche Typen braucht man zu jeder Zeit, und wir könnten insbesondere in den Medienberufen mehr von dieser Sorte brauchen. Jesus Christus, von dem man sagt, er sei der Sohn Gottes gewesen, verkörperte den solidarischen Menschen, der sich aus Mitleid für seine Mitmenschen opferte und ihnen für das Jenseits versprach, sie für all das Unglück zu entschädigen, das sie im hiesigen Leben auf sich nehmen, um den Verlockungen einer selbstbezogenen, die berechtigten Bedürfnisse der Mitmenschen ignorierenden Existenzweise zu entgehen. Während Sokrates mehr auf die Vernunft setzte, um dem moralischen Empfinden und mitmenschlichen Beziehungen Raum zu geben, setzte Jesus auf das Herz und die helfende Hand des Samariters, um das religiöse Empfinden als Fundament von Humanität auszubilden. Das eine wie das andere ist heute in den Privatbereich ausgelagert, und allenfalls Ethikkommissionen oder Organisationen wie amnesty international nehmen noch stellvertretend Anliegen wahr, die ursprünglich in den Kompetenzbereich jedes Individuums gehörten. Friedrich Nietzsche nannte seinen perfekten Menschen Übermensch, und seine Kunstfigur Zarathustra zeigt exemplarisch den Weg der fortgesetzten Selbstüberwindung, auf welchem sich der einzelne mit jeder Stufe, die er überschreitet, der Selbstvervollkommnung schrittweise annähert, ohne doch je Perfektion im Sinne eines endgültigen Zustands zu erreichen. Der Mensch vermag sich zwar zu überschreiten, was das über in Übermensch andeutet, aber er kann sich nicht selbst überspringen und kommt unausweichlich stets auf sich selbst zurück als Mensch. Die Transzendenzbewegungen verlieren sich nicht in einer linearen Unendlichkeit, sondern kehren zu ihrem Ursprung zurück. Der perfekte Mensch zieht Kreise um sich herum, deren Radius er jedoch ausdehnen kann. Aber die Kreisbahn zu verlassen, ist ihm verwehrt. Sinn kann er immer nur im Kreis erzeugen, der für das Ganze steht, das einer aus sich zu machen versteht. Hören wir Zarathustra: „Ich schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere steigen mit mir auf immer höhere Berge, — ich baue ein Gebirge aus immer heiligeren Bergen.“ Durch diese Tätigkeit des sich Umgrenzens findet der Mensch sein Heil. Er vermag sein Heil aus eigener Kraft zu stiften, ohne den Beistand eines Gottes. Der Übermensch transzendiert sich selbst und wird dabei ganz er selbst — nämlich Mensch. In seine immer wieder erneuerte Selbstumkreisung schliesst er sein Glück ein. Ein ähnliches Bild für den endlichen, sich aber gleichwohl in seiner Endlichkeit auf Unsterblichkeit hin entwerfen wollenden Menschen hat der französische Existenzphilosoph Albert Camus in der Figur des Sisyphos geschaffen. Eigentlich hatten die Götter Sisyphos damit bestrafen wollen, dass sie sein Verlangen nach Identität, nach Ganzheitlichkeit, nach Selbstvollendung zerschlugen, indem sie verhinderten, dass der Felsbrocken, den er unter Aufbietung aller Kräfte den steilen Berg hochwälzen musste, jemals auf dem Gipfel liegen blieb. Die sinnlose, an Vergeblichkeit durch nichts zu überbietende Tätigkeit, zu der Sisyphos gezwungen war, sollte ihn dadurch zermürben, dass er mit jedem neuen frustrierenden Wälzvorgang das Bild des ewig imperfekten, seine Identität verfehlenden und damit in seiner Selbstvollendung scheiternden Menschen unauslöschlich als sein bleibendes Unglück verinnerlichte. Der schreckliche Gedanke der ewigen Wiederkehr des Gleichen, den Nietzsches Zarathustra anfangs so unterträglich fand, dass er lieber sterben als so weiterleben wollte, muss auch Sisyphos zu Beginn seiner Fron fast wahnsinnig gemacht haben. Aber wie Zarathustra gelingt es auch ihm, seinen absurden Ausgangsbedingungen zum Trotz, sich als Mensch zu vollenden. Indem er die von ihm nicht zu verändernden Verhältnisse so nimmt, wie sie sind, und anstatt daran zu verzweifeln, den Felsblock als Demonstrationsmittel benutzt, um seiner Empörung über die Unmenschlichkeit der conditio humana Ausdruck zu verleihen, zeichnet er kontrastiv das Bild einer Lebensform, die dem Menschen angemessen wäre, ihm aber durch die Umstände widersinnigerweise verwehrt wird. So vollendet sich Sisyphos als Mensch in der hartnäckig immer wieder von neuem betonten Rechtmässigkeit des Anspruchs auf Sinn, dessen Ausbleiben absurd ist. Der Stein rollt wieder, aber dieser Vorgang kann nicht verhindern, dass Sisyphos, während er ins Tal zu seiner Arbeit zurückgeht, über den Sinn seines Lebens nachdenkt und diesen als das, was ihm zusteht, in das Steinewälzen integriert. „Wir müssen uns“ — so heisst es am Ende des Mythos von Sisyphos — „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Ihm glückt die schwierige Kunst, gut zu leben, ohne sich als Mensch zu verfehlen, selbst unter extremsten Bedingungen. Zarathustra und Sisyphos sind insofern interessante Figuren, als sie nicht vorgeben, perfekte Menschen zu sein, sondern ihre Gebrochenheit durchschauen und sich trotzdem den Blick für das Ganze bewahren. Obwohl sich das Ganze qua Absolutes dem menschlichen Zugriff entzieht, ist es doch der bleibende Horizont, in welchem die menschliche Existenz nach Sinn auslangen kann, ohne resignieren oder sich auslöschen zu müssen. Diese Möglichkeit der Selbstvergewisserung des eigenen Sinnanspruchs ist jenem Typus des perfekten Menschen, wie ihn die Utopien eines Jewgenij Samjatin und eines Aldous Huxlex beschreiben, entzogen. Hier ist es nicht mehr das individuelle Selbst, das autonom an seiner wie immer prekären Vollendung arbeitet, sondern ein allmächtiger Staatsapparat stellt die menschlichen Exemplare nach Bedarf her und versieht sie mit einer Identität, die den einzelnen des Wählen- und Entscheidenmüssens enthebt. Er wird, wie Huxley es in der Schönen neuen Welt einmal sagt, auf Schienen gestellt, und dann rollt er die ihm zugemessenen 60 Jahre über Strecken und Weichen, die für seinen Lebensweg vorgesehen sind, bis er — noch im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte — euthanasiert wird. Der Blick für das Ganze, in das er durch lebenslange Programmierungsstrategien eingepasst wurde, wird ihm durch eine Ideologie des besten Staats verschleiert, so dass er ausserstande ist, seine Lage selbstkritisch zu beurteilen. Die Typen eines perfekten Menschen, wie sie uns in philosophischen und literarischen Werken begegnen, lassen sich noch vervielfäligen, vor allem wenn man zur Ergänzung die Menschenbilder anderer, aussereuropäischer Kulturen mit heranzieht. Es hätte jedoch keinen Sinn, aus diesen allen versatzstückartig das Modell eines perfekten Zukunftsmenschen zu basteln, der als globaler Idealtypus normativ ausgezeichnet würde. Aus meiner Sicht ist es vielmehr vordringlich, das Manko des fragmentarisierten homo sapiens, nämlich den Verlust des Blicks auf das Ganze, zu beheben. Da wir weder zu einer wenig differenzierten Lebensform zurückkehren können noch eine utopische Einheitsgesellschaft wollen, in welcher das Maschinenmodell zu höchster Perfektion gebracht ist, bleibt nur die Möglichkeit, den Pluralismus so zu perfektionieren, dass jedes Individuum sich nach seinen Neigungen und Fähigkeiten spezialisiert, dabei jedoch das Ganze nicht aus den Augen verliert, sondern im Gegenteil von vornherein darauf achtet, wie sich das, was es tut, mit dem Ganzen verträgt. Wenn wir diesen Typus als homo oecologicus bezeichnen, so soll damit angezeigt werden, dass jeder Hausbewohner für das Haus, das er mit den anderen bewohnt, für den oikos also, mit verantwortlich ist, unabhängig davon, was er ansonsten treibt. Die Erde, die unser Haus ist, wird weiter verwüstet werden, wenn jeder für sich allein unter Wettbewerbs- und Rivalitätsgesichtspunkten wirtschaftet, ohne, Korrekturen an der Enge der eigenen Perspektive vorzunehmen. Der homo oecologicus weitet seinen Blick, indem er Perspektiven wechselt und probeweise verschiedene Standpunkte einnimmt, um dann erst zu entscheiden, wie er sein Feld bestellt. Ob wir unseren Nachkommen ein zwar etwas heruntergekommenes, aber noch bewohnbares Haus hinterlassen, oder ob wir ihnen zumuten, ihre Wohnungen entweder unter die Erdoberfläche oder auf andere Planeten zu verlegen, hängt von unserer Bereitschaft ab, wieder mehr Verantwortung für das Ganze zu übernehmen und unsere Handlungen aufeinander abzustimmen. Eben dazu sind wir als humane Lebewesen verpflichtet. Diese Verantwortung für das Ganze beinhaltet nun nicht, dass wir, wie die Amerikaner es gern tun, als Weltpolizei überall in der Welt nach dem Rechten sehen und dafür sorgen, dass die Hausordnung eingehalten wird. Dieser imperiale Gestus ist es ja gerade, der die hierarchischen Strukturen zementiert und denen, die kontrolliert, notfalls mit Krieg überzogen werden, den Eindruck vermittelt, sie seien minderwertige Menschen. Natürlich muss der Terrorismus weltweit bekämpft werden, aber ohne hegemonialen Anspruch. Und es sagt sich zwar leicht, dass man die Bedingungen ändern muss, unter denen der Terrorismus gedeiht: Armut, Demütigung, Ohnmacht, Gewalt, Ungerechtigkeit, Mangel an Solidarität, Desinteresse an der Herstellung fairer Wettbewerbsverhältnisse und so fort. Aber es ist eine Binsenweisheit, dass man Menschen nur ändern kann, wenn man ihre Lebensbedingungen verbessert. Auch dann wird es immer noch Leute geben, die Freude an Grausamkeiten finden, die sich Machtpositionen erwerben, um andere zu unterdrücken, zu quälen, zu töten. Man würde sich etwas vormachen, wenn man wie die klassischen Utopisten davon ausgeht, dass sich das Böse im Menschen durch eine konsequente Erziehung zum Guten vollständig ausmerzen lässt. Doch dies alles ist kein Rechtfertigungsgrund dafür, dass man nichts tut, weil der Aufwand im Verhältnis zum Erfolg viel zu gross sei. Denn dann besteht die Gefahr, dass die Brandherde sich ausbreiten und eines Tages auch auf unseren Kontinent übergreifen. Der mühsam errungene und keineswegs sichere Friede unter den europäischen Völkern würde sehr schnell verloren gehen, wenn jeder nur noch sich selbst als den Nächsten betrachtet, und am Ende käme das heraus, was Thomas Hobbes seinerzeit als den Urzustand der Menschen beschrieben hat: ein Kampf aller gegen alle. Auch wenn die Welt und wir mit ihr unvollkommen bleiben werden, können wir doch sehr wohl etwas dazu beitragen, diese Unvollkommenheiten zu verringern, indem wir uns darum bemühen, gewaltfrei miteinander zu kommunizieren, und unsere Kräfte dort einsetzen, wo die Möglichkeit besteht, die unvollkommene Welt ein klein wenig perfekter zu machen. Selbst im Scheitern wird dann ein Ethos sichtbar, durch das sich der Mensch als Mensch zu erkennen gibt, ganz gleich, was er in einer gegebenen Situation auszurichten vermag. |
Zum Drucken geeignete pdf-Version dieses Dokuments. - - - Get a printer friendly pdf version of this document.